355 Sitze - 355 politische Gefangene (Süddeutsche Zeitung)

Süddeutsche Zeitung (15. Februar 2011): Der Kampf für künstlerische Freiheit im Iran findet auch jenseits der großen Bühne der Berlinale statt. Auf Betreiben des Vereins United4Iran zeigte das Arri-Kino am Sonntag Jafar Panahis 'Der Kreis' und von Mohammad Rasoulof 'In the Meadows'. Panahis Verhaftung hatte dafür gesorgt, dass sein Platz in der Berlinale Jury unbesetzt bleiben musste. Er und sein Kollege Mohammad Rasoulof waren im Iran wegen der Vorbereitung eines regimekritischen Films zu sechsjährigem Berufsverbot verurteilt worden. Um über diese vieldiskutierten Fälle hinaus auf solches Unrecht aufmerksam zu machen, hatte man in München nicht wie in Berlin einen Stuhl frei gelassen, sondern alle 355 Sitze des Arri symbolisch mit politischen Gefangenen besetzt. Auf jedem Sitz lag ein Zettel mit Namen und Bild eines Inhaftierten.

Die Besucherin Eva Hacker hält in der Pause den Steckbrief von Elahe Latifi in der Hand. Latifi wurde am 26.Dezember2010 verhaftet, als sie gegen die drohende Hinrichtung ihres Bruders protestierte. 'Die könnte so alt sein wie ich,' sagt Eva Hacker. Die vier Frauenschicksale, die Panahi in 'Der Kreis' zeigt, tun ihr übriges, um den abstrakten Begriff Unterdrückung begreifbar zu machen. Das Leben der Filmheldinnen ist in der Männergesellschaft so durchgehend reglementiert und überwacht, dass sogar das simple Anzünden einer Zigarette zum Akt der Rebellion wird. Als eine der Frauen gegen den Willen des Fahrers im Polizeiwagen zu rauchen beginnt, habe Eva Hacker 'bei jedem Inhalieren innerlich applaudiert'.

Während die Kinogäste sich sichtlich bewegt über die Filme austauschen, sitzt Maryam Saremi von United4Iran Bayern im Foyer und zeigt mit ihrem leuchtend grünen Schal ihre Solidarität mit der Demokratiebewegung im Iran. Als Chomeini 1980 den Iran zum Gottesstaat erklärt, muss die Zahnärztin Saremi ihre Eltern und ihre Heimat verlassen, um ihr Studium fortsetzen zu können. Genau wie 3000 andere Iraner lebt sie heute in München. 'Wir sind nicht sehr stark vernetzt. Vielleicht ist das der Preis für unsere Integrationsfähigkeit', sagt Saremi. Doch die Hoffnung auf Veränderungen hat die Exil-Iraner in einen neuen Dialog treten lassen. 'Als ich gesehen habe, dass sich im Iran etwas bewegt, bin ich sofort auf die Straße gegangen. Dort habe ich dann auf einmal Gleichgesinnte getroffen.'

In der Aufbruchstimmung der 'grünen Welle' im Sommer 2009 entstand die Münchner Abteilung der weltweit vernetzten Menschenrechtskampagne 'United4Iran'. Mit Petitionen und gezielter Öffentlichkeitsarbeit setzt sich der Verein für Demokratie und Menschenrechte im Iran ein.

Die Nachricht von Mubaraks Rücktritt hat Maryam Saremi unglaublich erleichtert, sagt sie. Aller guten Dinge sind drei. Dieses Sprichwort gibt es auch auf persisch. 'Erst fiel Ben Ali in Tunesien, dann Mubarak in Ägypten, als nächstes kommt Ahmadinedschad', sagt Maryam Saremi. Nadia Pantel

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Leere Plätze von Panahi und Rasoulof im ARRI-KinoLeere Plätze von Panahi und Rasoulof im ARRI-Kino

Hinweis: Jafar Panahi und Mohammad Rasoulof wurden zu je 6 Jahren Haft und 20 Jahren Berufs- und Ausreiseverbot verurteilt. Sie sind derzeit noch auf Kaution frei und warten auf ihr Berufungsverfahren.

Wir danken dem ARRI-Kino München für die Solidarität mit der grünen Bewegung und dafür, dass wir bei der Veranstaltung mitwirken durften!

Am Sonntag, 20. Februar um 11.30 Uhr läuft im ARRI der Film THE GREEN WAVE über die Proteste nach den iranischen Präsidentschaftswahlen 2009. Im Anschluss an die Vorführung findet ein Gespräch mit dem Regisseur Ali Samadi Ahadi und anderen Gästen statt. Der Film bildet den Auftakt der Reihe BEST.DOKS (Veranstalter: Human Rights Watch und ARRI-Kino).